Archiv für Dezember 2009

notorious bi-curious

Dass das Internet ein Raum für das Ausprobieren und Ausleben unterschiedlicher Identitätsentwürfe (vor allem in sexueller Hinsicht) sei kann, ist ja inzwischen fast ein Gemeinplatz. Ein interessantes Beispiel dafür habe ich auf der AmateurLiveWebcamPornoseite www.cam4.com entdeckt. Dort kann man, wenn man sich dort in exhibitionistischer Absicht anmeldet, die eigene „sexuelle Orientierung“ mit „hetero“, „schwul“, „bisexuell“ und – tadaa: „bi-curious“ (bzw. „bi-neugierig“) angeben.

Auf diese Art und Weise mit einem Label versehen kann man sich nun von anderen Leuten (vor allem Männern, schwulen Männern, wie ich annehme) beim Masturbieren zusehen und in Chats verwickeln lassen. Dabei mag, so meine Hypothese, die Selbstbezeichnung „bi-neugierig“ vor allem denjenigen Männern zu Gute kommen, die sich im „realen Leben“ als heterosexuell definieren, aber eben hin und wieder neugierig auf (virtuellen) Sex mit anderen Männern sind. Sich als lediglich „bi-neugierig“ zu bezeichnen, bedeutet m.E., sich selbst nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, sein heterosexuelles Gesicht zu wahren und sich nicht dem Verdacht auszusetzen, schwul zu sein (denn schließlich ist man ja nicht einmal bisexuell, sondern nur bi-neugierig!), und trotzdem in den Genuss kommen zu können, virtuell Sex mit Männern zu haben.

Auf diese Weise, so meine Schlussfolgerung, erweitert die Bezeichnung „bi-neugierig“ den sexuellen Erfahrungsraum heterosexueller Männer, ohne an heteronormativen Strukturen etwas zu ändern. Nebenbei werden letztere auch immer wieder gern bekräftigt, indem etwa die als „hetero“ registrierten User auf überdeutliche und unschöne Weise darauf hinweisen, dass sie selbst nicht schwul seien und nur von Frauen angeschrieben werden möchten…

SeiDu selbst – aber sei normal!

Normalisierung im schwulen Internet (Teil 2)

„SeiDu – Fühl Dich frei Du selbst zu sein“ – So lautet das Motto der Internetseite SeiDu.de, die, so ist unter eben dieser Adresse zu lesen, dabei ist, sich selbst ganz neu zu erfinden. Wurde auch Zeit, möchte ich meinen – denn früher war diese Seite meiner Meinung nach tendenziös und ausgrenzend, und das sind keine guten Voraussetzungen für ein Online-Jugendmagazin (vor allem) für Lesben und Schwule. Darauf werde ich im Folgenden ein bißchen eingehen.1

Interessant fand ich den anscheinenden Widerspruch zwischem dem eigenen Anspruch, den die Macher_innen der Seite verkündeten (welcher nämlich ganz nach Diversity und „Alle verschieden – alle gleich“ klang) und dem, was sozusagen im Kleingedruckten stand.
So war damals zu lesen:

Stell dir vor du bist homosexuell und es interessiert keinen. Kein Verstecken mehr, keine Ausgrenzung. Du bist einfach du.

Und weiter unten:

Unser Magazin, dein Magazin trägt den Namen SeiDu. Das steht für unsere Botschaft: Sei Du Selbst. Was sich so leicht daher sagt, ist meistens sehr schwer. Aber es ist ein Ziel, dass sich alle Menschen stellen sollten. Du, wir, die anderen da draußen. Wir sollten lernen uns selbst zu akzeptieren und erst recht die Menschen um uns herum. Jeder ist anders. Ob schwul, lesbisch, bi oder hetero. Das sind nur kleine Stücke im Puzzle die unsere Person ausmachen. Wir alle haben viel mehr zu bieten!

Das alles wirkt auf den ersten Blick sehr einladend. Auch über den Ruf nach mehr Akzeptanz möchte ich nicht meckern. Nur leider scheinen die SeiDu-Macher_innen sich selbst nicht so ganz daran zu halten. Denn ein wenig weiter unten im Text werden ganz andere Botschaften vermittelt:

SeiDu ist kein typisches Magazin für Homosexuelle. Wir haben mit Absicht kein „Gay“, „Homo“ oder „Boy“ in unserem Namen. Unsere Seiten sind nicht in Rosa Farben gehüllt oder werden von animierten Regenbogenflaggen überfrachtet. […] Wir bieten keinen Fleischbeschau oder setzen uns irgendwelchen Klischees aus.

Keine Fleischbeschau?
Schade… Was ist aber, wenn ich als SeiDu-User, der sich zunächst sehr angesprochen fühlt von Sätzen wie: „Das sind nur kleine Stücke im Puzzle die unsere Person ausmachen. Wir alle haben viel mehr zu bieten“ [Hervorh. d. Verf.], mal Bock auf Fleischbeschau habe? Wenn ich gerne Pornos gucke oder mich zu Sexdates verabrede? Ist das dann ein „kleines Stück im Puzzle“ meiner Person, das ich bei SeiDu lieber verschweigen sollte, weil es pfui pfui ist?

Keine Klischees?
Und das bedeutet? Wenn ich Madonna und Kylie mag, eine allerbeste Freundin habe und gerne „Germanys next Topmodel“ gucke, setze ich SeiDu dann schon zu vielen Klischees aus und muss leider draußen bleiben? Und wenn ich darüber hinaus noch oft Bock auf Sex mit vielen Männern hab, müsste ich dann nicht ne ganze Menge Puzzlestücke meiner selbst abspalten, um dem Normalitäts-Imperativ der Seite zu entsprechen? Irgendwie paradox – vor allem, da es vorher noch hieß: „Wir sollten lernen uns selbst zu akzeptieren“.

Kein Rosa und keine Regenbogenfahnen?
Also nichts, das auf etwas wie eine gemeinsame schwule Identität hindeuten könnte? Ist die Begründung, dass es niemandem „peinlich werden [sollte], in einem Internetcafe, in der Schule oder in der Uni auf unseren Seiten zu surfen“, ein hinreichender Grund, sich derart explizit von Symbolen zu distanzieren, die auch so etwas wie Solidarität ausdrücken? Warum nicht einfach auf Regenbogenfahnen und rosa verzichten, und dies nicht zum Thema machen, genau, wie es auch Gayromeo tut?

Aber SeiDu scheint den Drang zu haben sich von einer unbenannten Größe abgrenzen zu müssen:

Junge Homosexuelle wollen sich nicht länger durch Aktionismus ausgrenzen, sondern Teil der »normalen« Gesellschaft sein und bleiben.

Das alles klingt sehr nach Selbstoffenbarung. Was uns der Text m. E. sagen will, ist: „Nein, wir entsprechen nicht dem negativen Bild, das ihr von Schwulen habt! Wir sind nicht so!“
Dieses Butlersche Unbehagen mit (negativ konnotierten) Identitätskategorien kann ich ja noch irgendwie nachvollziehen. Doch bei SeiDu setzt an dieser Stelle die Reflexion aus. Anstatt dass in der heteronormativen Gesellschaftsstruktur das Problem gesucht wird, wird ordentlich personalisiert, indem die Schuld für das schlechte Image der Lesben und Schwulen eben diesen in die Schuhe geschoben wird. Diese hätten mir ihrem „Aktionismus“ ( was auch immer das sein mag – möglicherweise eine offensive Sichtbarkeit) ihre unnormale Auffälligkeit und Andersartigkeit nur verstärkt. Diese Schuldzuweisung wird m.E. auch im folgenden Absatz deutlich:

In mehr als drei Jahren haben wir Tabus gebrochen und nicht nur gezeigt, dass Heterosexuelle über Schwule und Lesben etwas lernen können, sondern auch umgekehrt.

Mit diesem verwässerten „Alle müssen von allen lernen, Alle müssen toleranter werden“ verkennen bzw. überspielen die SeiDu-Macher_innen meiner Auffassung nach das Grundproblem (Heteronormativität, Homophobie) und richten ihren Appell vor allem wieder an die „nicht normalen“ Lesben und Schwulen mit der Forderung zu Assimilation. Das alles wird als Tabubruch stilisiert – als ob SeiDu hier ein „befreiender Schlag“ gegen die (angebliche) Hegemonie der LSBT-Sichtbarkeitspolitik gelungen wäre.
Weiter ist zu lesen:

Betrachte die Welt neu! Wenn Vorurteile gegen dich bestehen, dann bist du nicht automatisch frei von Vorurteilen gegenüber anderen.

Sprich: Vielleicht bist Du es sogar selbst schuld, wenn Du diskriminiert wirst, weil Du eben nicht hart genug daran arbeitest, normal zu sein! Doch SeiDu hat eine passende Anthropologie, die sie den Leser_innen zur Orientierung an die Hand gibt:

Ein Mensch definiert sich nicht nur durch seine Sexualität, sondern durch viele verschiedene Eigenschaften. Sei deshalb nicht stolz auf deine Sexualität, sondern auf das was du erreicht hast.2

Alles in allem bleibt festzuhalten: Was die User_in hier geboten bekommt ist die feige Identifikation mit dem Aggressor, eine Art heteronormatives Stockholm-Syndrom. Hier spricht kein wirkliches Interesse, die User_in „Du“ sein zu lassen, und hier wird nicht vermittelt, dass dieses „Du“ okay ist, so wie es ist. Stattdessen wird nach homophoben Kriterien ausgesondert und eine neue Norm geschaffen, die umso perfider ist, da sie sich in einen inklusiven Diversity-Mantel kleidet: Du darfst nur dann einer der „vielen Verschiedenen sein“, wenn Du keinen Klischees entsprichst. Alle sind zwar „anders“, und das ist auch gut so, aber nur so lange sie „normal“ sind.

  1. Ich beziehe mich im Folgenden auf die Selbstdarstellung von SeiDu.de, die bis vor einigen Monaten noch online waren. Ich habe die Zitate im August 2009 heruntergeladen. [zurück]
  2. An dieser Stelle könnte man natürlich und berechtigterweise darüber diskutieren, ob man überhaupt auf irgend etwas stolz sein muss und erst recht, ob man „etwas erreichen muss“ (An dieser Stelle hätte ich fast das Wort „neoliberal“ verwendet…) [zurück]