„Die Tunte bleibt draussen!“

Es ist unglaublich, wie oft sich in Gayromeo-Profilen ablehnend über „Tunten“ geäußert wird. In Aufzählungen, welche Personen den User bitte auf gar keinen Fall anschreiben sollen, rangieren „Tunten“ meistens auf Platz 1 (neben „Dicken“, „Alten“ bzw. „Opas“ und, auch nicht selten, „Asiaten“ – aber dazu ein anderes Mal).

Ich finde diesen Tuntenhass unerträglich und habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht, warum diese User derartige ablehnende Einstellungen äußern.

Unklar bei diesen Statements ist natürlich, was die User unter einer „Tunte“ verstehen. Meinen sie damit wirklich Drag Queens oder Crossdresser? Meinen sie damit Transgender? Was ist ihre Definition einer „Tunte“? – Dies bleibt unklar, trotz der Ominpräsenz dieses Wortes.

Und dann stellt sich auch die Frage: Was ist der Grund dafür, dass derart viele User das Bedürfnis haben, sich von „Tunten“ abgrenzen zu müssen? Sind sie etwa in der Vergangenheit oft von „Tunten“ – ob virtuell oder „real“ – belästigt worden und wollen dem jetzt „endlich einen Riegel vorschieben“ indem sie Verbotsschilder aufstellen à la „Ich muss draußen warten“ ? ( – In der Tat bin ich in einem Profil mal auf ein solches „Schild“ gestoßen…).

- Was die Bedeutung solcher „Verbotsschilder“ anbelangt geht meine Hypothese in eine andere Richtung: Zieht man die „4 Seiten einer Nachricht“ von Schulz von Thun heran (vgl. ders. 2006, S. 26ff), so müssen Sätze wie „Bitte keine Tunten!“ nicht nur als Appell sondern in erster Linie als Selbstoffenbarung gelesen werden. Wer also schreibt, dass ihn keine „Tunten“ anschreiben sollen, sagt damit auch aus, dass er selbst keine „Tunte“ sein will.

Interessanterweise fand sich diese Überlegung bestätigt, als ich letztens einen Aufsatz von Claudia Krell über Männlichkeitskonstruktionen bei Schwulen las. So schreibt die Autorin, dass

mit einer Abwertung von effeminierten Männern im homosozialen Kontext Distanzierung und Dominanz demonstriert werden [kann]. Die Minderheit der Schwulen schafft sich so eine neue Minderheit der ‚Tunten‘ […].
[…] Daneben kann auch auf persönlicher Ebene festgestellt werden, dass Effeminiertheit von vielen Schwulen abgelehnt und darüber eigene Männlichkeit konstituiert wird. Kennzeichnend dafür ist, dass der Kontakt zu effeminierten Schwulen vermieden wird.
Vorurteile gegenüber effeminierten Männern sind in der schwulen Community also weit verbreitet […]. (Krell 2008, S. 273f)

Die Ablehnung von und Abgrenzung gegenüber (vermeintlich) effeminierten Männern, also „Tunten“, kann, so Krell, dazu dienen, sich selbst als männlich (im herkömmlichen Sinne) darzustellen und seine „männliche Identität“ zu festigen.
In diesem Zusammenhang mag auch die Funktion der „Verbotsschilder“ in einem anderen Licht erscheinen: Sie werden zu Erkennungszeichen derer, die sich über Tuntenhass als „ganze Kerle“ definieren und so zusammenfinden können. Andererseits haben sie jedoch auch einen gegenteiligen Effekt, denn wenn sich wirklich die meisten Schwulen von „den Tunten“ abgrenzen müssen, sehen sie sich vermutlich selbst nie als „Tunte“ („Tunten sind immer die anderen“, wie ein Freund es einmal formulierte) – und somit wird sich wohl kaum einer von Tuntenverbotsschildern abschrecken lassen, wenn er den betreffenden User anschreiben will.
Bei der Vorstellung, dass die tuntenhassenden User nun von vielen anderen Usern, die in ihren Augen „Tunten“ sind, angeschrieben werden, gönne ich mir ein bißchen Schadenfreude.

Literatur:
Krell, Claudia (2008): Das Männerbild von Lesben und Schwulen. In: Baur, Nina / Luedtke, Jens (Hrsg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich. S. 265 – 285.

Schulz von Thun, Friedemann (2006): Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. 44. Auflage. Reinbek: Rowohlt.