Seriös statt Sexbesessen

Normalisierung im schwulen Internet (Teil 1)

Interessant ist folgendes, das ich letztens im Magazin Blu (Ausgabe 12 / Dez. 09, S. 24) über die Internetseite Purplemoon (www.ppmoon.com) gelesen habe:

Du magst es, wenn „fotzenboy83″ dir mal wieder eine versaute Nachricht schickt? Na dann viel Spaß weiterhin mit den gängigen Portalen. Bist du aber auf der Suche nach einem seriösen Netzwerk für schwule Männer, kommt jetzt erste Hilfe aus der Schweiz.
Purplemoon hatte Sexbelästigungen à la „Bist du auch gerade nackt?“ satt und bot zunächst nur den Schweizer Homos eine Kommunikationsplattform. Seit September 2009 will das junge Team aber auch deutschen Jungs die Chance geben, frei von nervigen Sexbesessenen Kontakte zu knüpfen.

Gut – es mag nervig sein, wenn man als wunderhübscher Jüngling ständig von bösen alten Sexbesessenen angeschrieben wird. Verständlich, dass man endlich seine Ruhe haben und unter sich sein will. Da ich selbst nie so wirklich in dieser verzweifelten Lage war, fällt es mir umso leichter, ein wenig zu meckern über das, was Purplemoon meines Erachtens darstellt.

Vielleicht ist es ein bißchen überinterpretiert, aber ich finde, dass sich das Streben nach „Seriösität“ und die explizite Abkehr von dem, was hier als „Sexbesessenheit“ bezeichnet wird als Bestandteil einer allgemeinen Strömung der Assimilation und (Selbst-)Normalisierung (der Schwulen) betrachten lässt.
Die implizite Botschaft, die hier meiner Meinung nach mitschwingt ist folgende: „Mit den perversen Alten wollen wir nichts mehr zu tun haben, wir wollen normal sein und nur normale Leute kennenlernen“. Dazu passt, dass Purplemoon sich nicht als eine rein schwule Seite versteht, sondern offen ist für Frauen und Heteromänner.1
Deutlich wird hier denke ich der Zusammenhang von einerseits der Weigerung, sich in eine schwule Identität pressen zu lassen, sich nicht mehr allein über seine Sexualität definieren lassen zu wollen (was man ja nicht unbedingt als negativ ansehen muss) und andererseits der Befremdung vor und Ent-Solidarisierung mit anderen Schwulen – vor allem jenen (möglicherweise vor allem älteren), die ihre Sexualität in expliziterer (und möglicherweise: weniger assimilierter und normalisierter Form) ausleben.

  1. Allerdings nicht für Leute, die sich der binären Geschlechterordnung nicht zugehörig fühlen – die Geschlechtsauswahl bei der Anmeldung zu ppmoon.com lässt, wie so oft, nur eine Unterscheidung zwischen „männlich“ und „weiblich“ zu [zurück]