Homophobie, Kolonialismus und „der Westen“

In Malawi wurde ein schwules Paar zu 14 Jahren Haft verurteilt, wie in der taz zu lesen war.
Interessant fand ich, was Martin Reichert in seinem Kommentar dazu schreibt:

[D]er Richter begründete sein Urteil mit der Absicht, die Öffentlichkeit schützen zu wollen, weil Homosexualität nicht der Kultur und der Religion des Landes entspräche.
Tatsächlich entstammen die meisten afrikanischen Gesetze gegen Homosexualität – in 38 von 53 Staaten Afrikas ist diese unter Strafe gestellt – aber der Kolonialzeit. Da mag es einigen bizarr vorkommen, wenn es nun vor allem die Länder des Westens sind, die eben diese Gesetzgebung kritisieren und die Einhaltung der Menschenrechte einfordern – zum Beispiel Großbritannien und Deutschland, das Malawi mit Konsequenzen bei der Entwicklungshilfe droht. In der malawischen oder ugandischen Wahrnehmung ist die Homosexualität ein Übel, das aus dem Westen stammt.

Beide Texte scheinen mir ein Anzeichen dafür zu sein, dass nun endlich eine differenzierte Betrachtung des Themas Homophobie außerhalb des „Westens“ in die Presse Einzug gehalten hat. Sprich: Die Erwähnung (post)kolonialer Verstrickung und die sich daraus ergebenden Paradoxien zeichnet schon ein ganz anderes Bild als die m.E. vorher vorherrschende alleinige Skandalisierung „nicht-westlicher“ Homophobie, vor allem in den sogenannten islamischen Ländern.

Ein weiterer Beleg dafür mag sein, dass ausgerechnet die WELT ein Interview mit Georg Klauda führte. Klauda hat mit seinem sehr empfehlenswerten Buch „Die Vertreibung aus dem Serail“ von 2008 einen entscheidenden Beitrag zur Debatte um Homophobie und Rassismus geliefert, indem u.a. den kolonialistischen „Export“ der europäischen, heterosexistischen Geschlechterordnung in den (um mit Stuart Hall zu sprechen) „Rest“ der Welt rekonstruiert.

Nachtrag: Es gibt zum gleichen Thema auch einen Artikel bei anders deutsch .

Quellen:
http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/14-jahre-haft-fuer-schwules-ehepaar/;
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/wenn-der-hass-gesetz-wird/;
http://www.welt.de/vermischtes/article7650133/Islam-Homophobie-Soziologe-beschuldigt-Westen.html;
alle zuletzt aufgerufen am 22.05.2010.