Archiv für Juni 2010

Die Gratwanderung der CSD-Kritik

Die Kritik, die Butler am Berliner CSD übte, vor allem aber deren mediale Resonanz, erinnerte mich an einen vagen Gedanken, den ich schon vor ein Paar Jahren zum Thema CSD hatte. Ich will versuchen, ihn hier zu rekonstruieren.

Damals unterhielt ich mich mit einigen schwulen Bekannten über den Kölner CSD. Die Frage war, ob man sich die Parade anschaue oder nicht und wie man das ganze „Spektakel“ denn nun fände. Von einigen hieß es dann ablehnend, das ganze sei zu oberflächlich und zu kommerziell, es ginge nur ums Feiern und sei so furchtbar unpolitisch. Stonewall was schließlich a riot, und das sei heute in konsumhedonistische Vergessenheit geraten. Eine Kritik, die ich durchaus nachvollziehen konnte.

Interessanterweise argumentierten andere Leute, mit denen ich mich unterhielt, sehr ähnlich. Auch sie sagten, es sei zu oberflächlich und ginge nur ums Feiern – doch dann hieß es: Auf dem CSD würden sich ja nur die „schrillen“ Schwulen, die Tunten und Lederkerle präsentieren, und nur eben diese von der Restgesellschaft wahrgenommen. „So“ aber seien ja nicht alle Schwulen, es gebe unter ihnen ja auch „ganz Normale“, doch diese blieben unsichtbar. Letztlich sorgten die „Schrillen“ mit ihrer „Schrillheit“ dafür, dass alle Hetern weiterhin denken, alle Schwule seien „schrill“, also laut, oberflächlich, selbstverliebt und „tuntig“.

Die Argumentation, dass die Schwulen letztlich selbst Schuld daran haben, dass sie diskriminiert werden, weil sie eben immer so furchtbar schwul seien, scheint mir eine Art Wiedergängerin der internalisierten Homophobie zu sein, und lässt sich in ähnlicher Form mit Sicherheit auch in anderen „Minderheiten“-Kontexten wiederfinden.1
Leider stoße ich hier an die Grenzen meines Wissens über die Geschichte der Schwulenbewegung (Schande über mein Haupt), aber ich glaube, bereits in den 70ern wurde genau diese Frage im sogenannten „Tuntenstreit“ angekratzt: Sollen Schwule „unauffällig“ bleiben, und den „Abbau von Vorurteilen“ durch Integration in den heterosexuellen Mainstream erlangen – oder sollen sie den heterosexuellen Mainstream durch ihre „Tuntigkeit“ in Frage stellen?

Doch, um auf meine Gespräche zurückzukommen, merkte ich auch, dass so etwas wie „Kritik am Mainstream“, natürlich nicht unbedingt mit Infragestellung der Geschlechterrollen einhergehen muss: Einige meiner schwulen Bekannten, die den CSD und die „schwule Glitzer-Szene“ kritisierten, gerierten sich als konsum- und kapitalismuskritische Punks – legten dabei aber, wen wundert’s, viel Wert auf einen männlich-authentischen Habitus. In ihren Äußerungen vermischten sich also die auf den ersten Blick nachvollziehbare Kritik am unpolitischen Konsumismus mit ätzender schwuler Sissyphobie2 (danke @ allophilia für diesen Begriff!). Den in diesem Zusammenhang als „Tunten“identifizierten Männer fällt also nicht mehr nur das Stigma zu, effeminiert zu sein, ihnen wird auch attestiert, dass sie sich dem Rausch des Kaufens und Feierns kopflos hingeben.

Um ein wenig weiter zu spekulieren: Vielleicht offenbart sich an dieser Stelle eine Gemeinsamkeit zwischen den Schwulen, denen der CSD zu „schrill“ ist und denen, die ihn für zu kommerziell halten. Vielleicht herrscht bei beiden ein Ressentiment vor, eine Art Sozialneid gegenüber den „anderen“ Schwulen, die selbstbewusst auftreten, denen, die „es sich leisten können“ und ihre empfundene Freiheit, sei es auch nur die, konsumieren zu können, mit Freude und „Pride“ ausleben und denen es egal ist, wie „männlich“ sie auf andere wirken. Die „Kapitalismuskritik“ der zweiten Gruppe der CSD-Gegner erschiene dann in einem etwas anderen Licht…

Will man den CSD kritisieren, so mein Fazit nach diesen vielleicht etwas wirren Überlegungen, so muss man sich darüber im Klaren sein, dass man tendenziell eine Gratwanderung unternimmt: Eine Kritik an der Entpolitisierung und der, ich will es einmal so sagen: Anbiederung an den Kommerz und den heterosexuellen Mainstream ist prinzipiell wichtig und berechtigt. Doch wer sich derart äußert, sollte sich auch über ihre_seine potenziellen z.B. sissyphoben Ressentiments bewusst sein. Vor allem aber sollte er_sie sich darüber im Klaren sein, dass CSD-Kritik in der Art und Weise, wie sie öffentlich bzw. medial rezipiert wird, tendenziell nach Hinten losgehen kann, nämlich in Form der Bestätigung heterosexistischer Vorurteile aus homosexuellem Munde.3

  1. vermutlich lässt sich hier mit der Unterschiedung von „Parvenü“ und „Paria“ argumentieren, zwei Figuren, die Hannah Arendt in ihrer Beschreibung der jüdischen Geschichte in Europa verwendete (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Parven%C3%BC) [zurück]
  2. vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Sissyphobia:_Gay_Men_and_Effeminate_Behavior [zurück]
  3. ein Beispiel dafür ist, wie ich finde, der Kommentar in der taz von Nina Apin. Butlers Rede, die letztlich LSBT-politische Selbstkritik war, wird hier m.E. verstanden als offizielle Bestätigung dafür, was die Heteromainstream immer schon wusste: dass der CSD letztlich eine peinliche Lachnummer ist (vgl. http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/mehr-politik-und-weniger-ikea-bitte/). [zurück]

Judith Butler, der CSD und der Rassismus

Zum „19.06″ gab es ja jetzt schon eine ganze Menge Reaktionen. Viele haben Butlers Ablehnung des CSD-Preises begrüßt, viele haben trotz grundsätzlicher Zustimmung auch Kritik geäußert. Ich glaube, ich kann da erstmal nichts wirklich Schlaues mehr hinzufügen und verweise lieber auf die umfangreiche Diskussion und Linksammlung im mädchenblog (vgl. auch hier und hier.)

Was mir spontan noch in den Sinn kam, als ich die Reaktionen der CSD-Organisator_innen z.B. in dem 3Sat-Feature sah, war folgendes:

Natürlich gefällt es niemandem, mit dem Vorwurf, Rassismus zu dulden oder gar selbst rassistisch zu sein, konfrontiert zu werden. Von daher sind die Reaktionen irgendwie verständlich. Doch darüber hinaus befürchte ich, dass einem Eingestehen der eigenen Rassismen seitens der CSD-Leute noch ein weiterer Aspekt im Wege steht, nämlich dass beide „Parteien“ unterschiedliche Begriffe von Rassismus haben.

Rassismus, so meine Überlegung, mag für die CSD-Veranstaltenden vor allem ein Phänomen der gesellschaftlichen Ränder sein; nur Neonazis könne man von daher zu Recht Rassismus vorwerfen. In der „gesellschaftlichen Mitte“ gebe es hingegen in Deutschland nach ’45 keinen Rassismus mehr, höchstens die als weitaus weniger beunruhigend erachteten „Vorurteile“ gegenüber „Migranten“.

Die Kritiker_innen des CSD dagegen operieren, so meine Vermutung, mit radikaleren Rassismusbegriffen: Rassismen, z.B. in Form der Konstruktion von Weißsein oder Okzidentalität/Westlich-sein, seien grundlegend für die Konstitution „westlicher“ Gesellschaften und Identitäten und somit auch und vor allem in der „Mitte“, der „Mehrheitsgesellschaft“, zu verorten. Die Tatsache, dass weißen Deutschen dies nicht bewußt sei, sei letztlich Effekt ihrer hegemonialen Position in der rassistischen Konstellation. Das Privileg, weiß zu sein, bliebe also unbemerkt.

Mein Wissen über rassismuskritische Theorie ist beschränkt, vielleicht sind meine Überlegungen auch nicht so wirklich treffend. Wenn sie aber in die richtige Richtung gehen, könnte ich mir vorstellen, dass eine Annäherung beider Seiten schwierig sein wird, solange eine Klärung des Verständnisses von Rassismus ausbleibt – oder, parteiisch formuliert, solange die CSD-Leute und der schwullesbische Mainstream sich nicht auch auf einer theoretischen Ebene selbstreflexiv mit Rassismus auseinandersetzen.