Der gestörte Mann

Gibt es in den populären Naturwissenschaften eine Tendenz, Männer bzw. männliche Gehirne mit bestimmten Störungs- oder Behinderungsbildern zu assoziieren?

Der Gedanke kam mir letztens, als ich in Susan Pinkers Buch „Das Geschlechter-Paradox“ (2008) blätterte. Männer und Jungs werden dort vor allem mit ADHS und „Lernstörungen“ in Verbindung gebracht.
Ganz ähnlich argumentiert Simon Baron-Cohen in seinem Buch „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ (2004), indem er Autismus sozusagen als Extremfall von Männlichkeit darstellt.

Das scheint mir eine interessante Entwicklung zu sein, stellt sie doch eine Umkehrung der traditionellen Naturalisierung und Pathologisierung des weiblichen Körpers und der Heraufbeschwörung „typisch weiblicher“ Krankheiten bzw. Störungsbilder dar ( -ich denke dabei vor allem an die „Hysterie“). Nun scheinen nicht mehr die Frauen, sondern die Männer die „Problemfälle“ zu sein.

Von einer derartigen Umkehr der Verhältnisse auszugehen, ist jedoch auch nicht unproblematisch, schwingt dabei doch tendenziell so etwas wie der Gedanke einer „ausgleichender Gerechtigkeit“ mit, in dem Sinne, dass Männer und Frauen nun quitt seien und der Feminismus endlich die Klappe zu halten habe.
Noch offensichtlicher backlashig wird es, wenn die Darstellung von Männern und Jungs im derzeitigen „Jungendiskurs“ als tendeziell behandlungsbedürftige, zu bemitleidende „Problemfälle“ zum Symptom für das Versagen des Feminismus und Argument gegen eben diesen stilisiert werden.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch Susan Pinkers Buch: Jungs seien in der Kindheit und Schulzeit „auffälliger“ und „unangepasster“ als Mädchen, sie neigten viel eher als jene zum „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“. Doch Pinker gibt dem Ganzen eine interessante Wendung: Sie jammert nicht über die „armen Jungs“, sondern zeigt, dass diese es trotzoder sogar wegen ihrer „Auffälligkeit“ beruflich weiter bringen als Frauen:

Warum sind es die »schwierigen Jungs«, die später beeindruckende Karrieren machen, während die viel versprechenden Mädchen immer noch selten auf die Chefsessel gelangen? Susan Pinker zeigt, dass sich Mädchen und Jungs von klein auf unterschiedlich entwickeln und was das für ihre Lebensentscheidungen bedeutet. […]

Seit vier Jahrzehnten versucht man nun schon, Frauen im Berufsleben die gleichen Chancen zu bieten wie Männern. Und tatsächlich sind Schulen und Universitäten voll von begabten und ambitionierten Mädchen. Jungs dagegen sind überdurchschnittlich stark vertreten unter den sogenannten »Problemkindern«, die sich im Klassenzimmer und Uni-Seminar schwertun und unter Konzentrations- und Lernschwächen leiden. Trotzdem: In den Chefetagen von Wirtschaftskonzernen, in Politik und Wissenschaft sitzen immer noch deutlich mehr Männer als Frauen. Wie kommt es, dass die »schwierigen Jungs« im Berufsleben plötzlich durchstarten und die so begabten und engagierten Mädchen doch nicht in großem Stil die Karriereleitern erklimmen?1

So nimmt Pinker dem „Arme-Jungs-Diskurs“ den Wind aus den Segeln und verfestigt dabei aber eine antifeministische und biologisierende Sichtweise: Männer und Frauen wollen von klein auf unterschiedliche Dinge vom Leben (ich denke mal, das läuft auf folgendes hinaus: Männer--> Karriere, Frauen --> Familie) und das solle man doch auch bitteschön akzeptieren.

Worin ich aber das grundsätzlich Problematische bei Pinker und auch bei Baron-Cohen sehe, möchte ich nun ein wenig ausführen.2
Beide bringen „typisch“ männliche Eigenschaften mit einer „Störung“, Krankheit oder Behinderung in Verbindung. Autismus stelle nach Baron-Cohens extreme male brain theory eine besonders ausgeprägte Form der „typisch männlichen“ Fähigkeit dar, Muster zu erkennen und Systeme zu analysieren – und impliziere ein Fehlen der weiblichen Fähigkeit zur Empathie.3
Beim ADHS-Diskurs à la Pinker geht es dagegen m.E. darum, „krankhaft“ überaktives Verhalten als Extremform der „typisch männlichen“ Wildheit und Unangepasstheit darzustellen.

Durch diese Überkreuzung der Kategorien gender und (dis)ability/Gesundheit ergeben sich, wie ich meine, folgende Effekte: Einerseits verlieren Autismus und ADHS ein bißchen ihren Schrecken. Sie stellen nichts völlig Andersartiges und Krankhaftes mehr dar, sondern sind letztlich „normale“ männliche Eigenschaften, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung.

Andererseits trägt diese teilweise Pathologisierung des männlichen Geschlechts nicht unerheblich zur (Re-)Essenzialisierung der Geschlechter bei: Männer sind nicht mehr nur Männer, sie sind auch tendenziell autistisch oder verhaltensgestört. Somit erhalten sie ein weiteres und aufgrund seiner medizinischen Verankerung sehr wirkmächtiges Wesensmerkmal, dass den Unterschied zu „den Frauen“ festigt und das binäre Modell stärkt.

  1. http://www.amazon.de/Das-Geschlechter-Paradox-schwierige-Unterschied-zwischen/dp/3421043612/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1278707510&sr=8-3, zuletzt aufgerufen am 09.07.2010 [zurück]
  2. Nachdem ich den Text nun geschrieben habe, erscheinen mir meine Gedanken weit weniger relevant, als ursprünglich gedacht. Ich habe den Text trotzdem mal gepostet und hoffe auf (konstruktive) Kritik… [zurück]
  3. Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Baron-Cohen (zuletzt aufgerufen am 09.07.2010) ist folgendes zu lesen: Baron-Cohens „extreme male brain theory besagt, dass Autisten, verursacht durch einen hohen Testosteronspiegel im Mutterleib, ein extrem ausgeprägtes männliches Gehirn haben. Seine Mitarbeiter und er untersuchten bei 58 schwangeren Frauen den Testosteronspiegel im Mutterleib. Solche Kinder, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, zeichneten sich gegenüber normalen Kindern durch einen kleineren, aber qualitativ höheren Wortschatz und selteneren Blickkontakt aus. Im Alter von vier Jahren waren diese Kinder weniger sozial entwickelt. Dem zugrunde liegt Baron-Cohen’s empathising-systemising theory (E-S), die besagt, dass sich das Gehirn von Kindern, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, in Richtung zu einer verbesserten Fähigkeit, Muster zu sehen und Systeme zu analysieren, entwickelte. […] „Die grundlegende Verschaltung des idealtypisch weiblichen Gehirns begünstigt empathische Analysen während im männlichen Gehirn die Netzwerke für das Verstehen und Bauen von Systemen die Fundamente bilden.“ [zurück]

1 Antwort auf „Der gestörte Mann“


  1. 1 Antares 10. Juli 2010 um 20:10 Uhr

    “ Durch diese Überkreuzung der Kategorien gender und (dis)ability/Gesundheit ergeben sich, wie ich meine, folgende Effekte: Einerseits verlieren Autismus und ADHS ein bißchen ihren Schrecken. Sie stellen nichts völlig Andersartiges und Krankhaftes mehr dar, sondern sind letztlich „normale“ männliche Eigenschaften, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung.“

    Der Absatz ist gut. Den habe ich sogar zweimal gelesen. Überkreuzung der Kategorien? Oh man wie bescheuert ist das? Da wird unterstellt das Autismus und AD(H)S männliche übersteigerte Eigenschaften sind.
    Bei AD(H)S sind mir keine Mädchen bekannt bei denen das diagnostiziert wurde. Das es nicht diagnostiziert wird könnte aber andere Ursachen haben.
    Bei Autismus gibt es auch weibliche Vertreter. Heißt das jetzt das die betroffenen Mädchen nur verkappte oder verkannte Jungs sind? Oder wurden autistische Mädchen einfach ausgeblendet?

    Siehe hierzu Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Autismus#Epidemiologie
    „Das Asperger-Syndrom tritt bei deutlich mehr Männern als Frauen auf, wobei die Angaben des Zahlenverhältnisses von 4:1 bis 8:1 schwanken.“

    Bedeutet das auf der anderen Seite das Mädchen die sich die Arme oder Beine ritzen nicht krank sind? Ich meine jetzt auf den obigen Absatz bezogen. Ritzen ist typisch weiblich (kennt wer einen männlichen Ritzer?), kann der SchreiberIn das auch so schön erklären?

    Fragen über Fragen, allein der Genderist schweigt und schweigt und schweigt ….

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