Archiv für März 2011

Der postfeministische Wahn

Sehr gut gefallen hat mir Katharina Voß‘ Text über den sogenannten „Postfeminismus“. Vor allem an einer Stelle bringt sie den ganzen Irrsinn dieses Diskurses auf den Punkt:

Ganz zentral ist für den alltagskulturellen bzw. massenmedialen Strang auf jeden Fall ein Diskurs über vermeintliche ‚Tabus’, ‚Dogmen’ etc. des Feminismus, die ‚gebrochen’ werden müssen. Dogmen wie: alle Frauen hassen alle Männer (also alle Feministinnen, aber unter ihrer diktatorischen Herrschaft auch alle anderen Frauen), Frauen haben die Diskurshoheit über Geschlecherthemen, Frauen sind Opfer, Frauen sind die besseren Menschen, alle Männer werden sofort diskursiv ausgegrenzt oder kastriert oder gleich abgeschafft und am Ende ist alles so wie bei den Töchtern Egalias, der Feminismus diktiert Frauen ein Verhalten und eine Weltsicht, mit denen sie eigentlich nicht einverstanden sind. Der Feminismus beherrscht also die Welt, und dabei hat die Frauenbewegung die Gesellschaft ins Chaos gestürzt: desorientierte und von Geschlechterrollenbildern überforderte Männer und Frauen, Kinderlosigkeit wegen weiblichem Karrierismus und überzogenen Ansprüchen in der Partnerwahl, Singlegesellschaft, gewalttätige und schulversagende Jungen, kinderlos gemachte und abgezockte Väter. In den bürgerlich-liberalen Infomedien ließ sich das in den letzten Monaten z.B. in der bevölkerungspolitischen Panik angesichts des ausbleibenden biodeutschen Nachwuchses und in der Debatte um Vaterschaftstests verfolgen.

Ein beispielhafter Text dafür, wie nicht nur paranoide mittelalterliche Männer, sondern auch hippe junge Frauen sich fleißig an dem kollektiven Totreden des Feminismus beteiligen, ist Katja Kullmanns Generation Ally. Warum es heute so schwer ist, eine Frau zu sein. Kullmann macht ein inklusives ‚Wir’ auf, mit dem heterosexuelle Frauen Mitte Dreißig, Karrierefrauen mit Krönung-Light-Berufen, Frauenzeitschriften- und Ratgeberliteraturleserinnen gemeint sind. Frauen, die in den Achtzigern verinnerlicht haben, daß Gesellschaftskritik der jetzt auch ihnen offenen Karriere im Weg steht, die sich von den 68ern abgrenzen mußten, die strukturellen Sexismus total verleugnet haben, weil sie nicht als unsexy Emanzen oder, schlimmer noch, als Lesben gelten wollten (homophobe und rassistische Untertöne sind keine Seltenheit in Kullmanns Buch: Lesben sind häßliche Hysterikerinnen, und Emanzipation stinkt so ekelhaft wie man selber aus dem Mund, wenn man gerade einen Döner gegessen hat) und sich plötzlich gewundert haben, warum doch nichts mehr geht, wenn sie Lust auf Kinder haben oder auf den richtig steilen Karrieresprung. Statt einer kritischen Infragestellung ihrer Streberinnenexistenz und der Frage, was es bedeutet, wenn strukturelle Ungleichheiten auch noch von den negativ Betroffenen selber geleugnet werden (und wie man sie dazu bringt), kommt aber nur eine vage Diagnose zum Schluß bei raus, daß man irgendwie denkt, irgendwas sei komisch gelaufen und ja, die GlobalisierungskritikerInnen und Charlotte Roche sind ja auch irgendwie sexy trotz Gesellschaftskritik, und überhaupt müßte Feminismus wieder sexy sein. Fragt sich nur, für wen.1

  1. http://sexism-sells.so36.net/Postfeminismus.html (24.03.2011) [zurück]

Bundeszentralen-Postfeminismus

An anderer Stelle hab ich mich schon über Susan Pinkers Buch „Das Geschlechter-Paradox“ aufgeregt. Nicht genug, dass dieses, wie ich finde sehr antifeministisch-backlashige Buch anscheinend ziemlich populär ist, nein, es erhielt sogar eine Art offizieller Absegnung: Die Bundeszentrale für politische Bildung hat es in ihre Schriftenreihe aufgenommen! Würg!
Pinkers Buch habe ich nicht gelesen und auch mit dem Programm der BPB habe ich mich nicht auseinandergesetzt, aber auf Meckerei werde ich nicht verzichten: In perfider Weise trägt dieses Buch m.E. dazu bei, den Feminismus für veraltet und überflüssig zu erklären, dessen angebliche Gleichmacherei als wissenschaftlich überholt zu bezeichnen und die alte, eklige Leier von den (quasi-) natürlichen Unterschieden aufzuwärmen und mit dem vermeintlichen Gütesiegel „Tabubruch“ zu verdedeln:

Die Psychologin und Journalistin Susan Pinker geht der Frage der Geschlechterunterschiede nach und vertritt die These, dass die Geschlechter in Biologie, Entwicklung und Interessen von Anfang an verschieden sind. Ihr provokanter Ansatz lautet: Frauen, die ihre eigenen Neigungen, Fähigkeiten und Optionen ausleben, sind keine Mängelwesen, auch wenn ihre Entscheidungen anders aussehen als die von Männern. Vorzug einer postfeministischen Gesellschaft sei es vielmehr, den eigenen Neigungen zu folgen, anstatt tun zu müssen, was andere für passend halten. Das Buch plädiert dafür, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern anzuerkennen, um die Motive und Entscheidungen von Frauen – und Männern – zu verstehen.1

Besonders eklig ist auch, wie ich finde, dieser Verweis darauf, dass Frauen und Männer ja etwas unterschiedliches wollen. Dies disqualifiziert nicht nur jede Form von Gleichstellungspolitik als Zwangsinstrument, sondern passt auch, so mein Eindruck, viel besser zu den neoliberalen Anrufungen der Selbstverwirklichung und -ökonomisierung als frühere, biologistische Unterschiedstheorien. Und dennoch haben beide Diskurse potenziell den gleichen Effekt: Sie können der Legitimation bestehender Ungleichheiten, z.B. in der Lohnarbeit, dienen.
Dass die Bundeszentrale ausgerechnet Pinkers Buch in ihr Programm aufnimmt, mag in Zeiten von Kristina Schröder nicht verwunderlich sein, ist und bleibt aber, so finde ich, und mag das Wort auch scheisse sein: Volksverdummung.

  1. http://www.bpb.de/publikationen/835PZ6,0,0,Das_Geschlechterparadox.html (20.03.2011) [zurück]