Archiv für April 2011

Gay Caveman?

Soeben las ich über den Fund eines, wie es hieß, „schwulen Höhlenmenschen“:

In einem Vorort von Prag haben die Wissenschaftler Gräber der Schnurkeramischen Kultur ausgegraben, die aus dem Zeitraum zwischen 2900 und 2500 vor Christus stammen. Dabei stießen sie auf eine ungewöhnliche letzte Ruhestätte: „Wir haben das Grab eines Mannes entdeckt, der wie eine Frau positioniert wurde. Darin sind keine geschlechtsspezifischen Grabbeigaben enthalten, weder Schmuck noch Waffen“, erklärte Kamila Remišová Věšínová vom Archäologenverband „Česká archeologická společnost“. Lediglich Krüge seien der Leiche beigelegt worden. „Basierend auf unseren Daten, gehen wir davon aus, dass der Begrabene ein Mitglied eines sogenannten Dritten Geschlechts ist, als jemand, der eine andere sexuelle Orientierung hat, transsexuell ist oder ein Mensch, der eine andere Identität hatte als der Rest der Gesellschaft. „1

Was die Archäolog_innen vor Ort sagen mag ja noch einigermaßen akzeptabel sein, doch wie der Fund des „gay caveman“ medial verhandelt wurde, ist ziemlich gruselig. Es kam mir so vor, als würde hier eine Art „Missing Link“ präsentiert, eine Art schwuler Archäopteryx, der „erste seiner Art“. Gruselig finde ich das, weil es – mal wieder – die vermeintliche, im doppelten Wortsinne, Andersartigkeit „der Schwulen“ im öffentlichen Diskurs untermauert: „Sieh da“, so lautet m.E. die unterschwellige Botschaft, „es gibt sie schon seit der Steinzeit, sie müssen sich also mindestens so sehr von uns unterscheiden, wie die Neanderthaler!“
Was soll z.B. dieses süffisante „Normal sei das nicht!“ mit dem der tagesschau.de-Beitrag beginnt? Und diese nervige Strapazierung des leidigen „Andersrum liegens“, „wie eine Frau“? Noch blöder, weil noch mehr die Aussagen der Archäolog_innen entsprechend der heteronormativen Mainstream-Dummheit verdrehend, ist, finde ich, dann nur noch ein Artikel wie dieser hier: Überlegen die Forscher_innen lediglich, dass der „Höhlenmensch“ irgendwie gendermäßig nicht ganz ins Männlein-Weiblein-Schema passt, wird hier munter Gender und sexuelle Orientierung zusammengeworfen; der Artikel beginnt wie folgt: „Liebe unter Männern gab es schon in grauer Vorzeit. Das bestätigt ein neuer archäologischer Fund“2. Dem ganzen die Krone setzt aber folgender Absatz auf, weil er auf platt-peinliche Weise die heutigen sexistischen und homophoben Verhältnisse auf die Zeit vor 5000 Jahren projiziert: „Zeichen für die Homosexualität ist gemäss den Wissenschaftlern aber nicht nur die weibliche Bestattungsform, sondern auch die Wahl der Grabbeigaben. Der schwule Höhlenmensch wurde mit Haushalts-Utensilien beerdigt.“3

  1. http://www.queer.de/detail.php?article_id=14008 (17.04.2011) [zurück]
  2. http://www.blick.ch/life/wissen/schwuler-hoehlenmensch-geoutet-170112(17.04.2011) [zurück]
  3. ebd. [zurück]