Archiv für Juni 2011

Kein(e) Problem(e) mehr?

Wie bei queer.de zu lesen ist, lässt Bundesministerin Kristina „Deutschenfeindlichkeit“ Schröder derzeit prüfen, ob eine Studie zur Lebenssituation lesbischer und schwuler Jugendlicher machbar ist. Sie scheint also zumindest ein wenig ihren Kurs geändert zu haben – im Februar noch erklärte sie, queer.de berichtete ebenfalls, eine solche Studie sei nicht notwendig. Die Grünen hatten damals einen Antrag gestellt, lesbischen und schwulen Jugendlichen gezielt Unterstützung zukommen zu lassen:

Die Ökopartei verweist darauf, dass das Coming-out für junge Menschen nach wie vor schwierig ist: „Berichte und Studien zeigen Ausgrenzung, Mobbing und subtile Herabwürdigung schwuler, lesbischer und transsexueller Jugendliche“ – ein Problem, mit dem heterosexuelle Jugendliche nicht kämpfen müssen. Das führt dazu, dass junge Schwule, Lesben und Transsexuelle viel eher depressiv werden oder versuchen, sich umzubringen.
Die Grünen schlagen hierzu ein „umfassendes Paket an Präventionsstrategien“ vor. Gemeinsam mit den Ländern sollten Maßnahmen unternommen werden, um diese Jugendlichen zu fördern. Mit koordinierter, bundesweiter Jugendarbeit sollte den betroffenen Schülern ein gleichberechtigter Start ins Leben ermöglicht werden.

Von Seiten der CDU/CSU wurde ein wenig anders argumentiert. Zwar, so der CDU-Abgeordnete Peter Tauber, gebe es durchaus noch Benachteiligungen,

[d]ie Vertreter der Union wollen aber insbesondere herausstellen, dass sich die Lage für Schwule und Lesben stark verbessert habe und der Bund es daher mit Maßnahmen nicht übertreiben sollte: „Es befindet sich auch ein ganz zentraler Satz im Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, nämlich ‚Vieles hat sich zum Positiven entwickelt‘. Dieser Satz ist wichtig“, erklärte Tauber. „Ich denke, wir sollten bei dieser Debatte die Situation der Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Deutschland nicht schlechter machen als sie tatsächlich ist.“ Verbände trügen auf lokaler Ebene bereits zum Abbau von Diskriminierung bei – und die Union unterstütze das.
Sein Hamburger Parteifreund Marcus Weinberg kann allerdings gar nicht verstehen, warum junge Menschen in Deutschland überhaupt unglücklich sein sollten: „Jugendliche sind bereits selbstbewusst“, erklärte der Hamburger Abgeordnete trotzig. „Bündnis 90/Die Grünen stellen die Jugendlichen in Deutschland in ihrem Antrag so dar, als ob sie nicht selbstständig oder selbstbewusst genug sind, um sich auch über ihre sexuelle Orientierung bewusst zu sein und diese auch nach außen zu vertreten.“

Diese Debatte ist, wie ich finde, bezeichnend für den politischen Umgang mit Homophobie in der letzten Zeit. Gerade die konservativen Kräfte berufen sich explizit oder implizit auf die staatliche Anerkennung homosexueller Beziehungen („Homoehe“) und auf Figuren wie Guido Westerwelle und Klaus Wowereit, welche als Kronzeugen eines post-homophoben Deutschlands herangezogen werden.
Diese angebliche Homo-Freundlichkeit avanciert dabei zum zentralen Bestandteil eines modernisierten Nationalismus, in dem sich Deutschland als buntes, aufgeschlossenes „Land der Vielfalt“ präsentieren kann. Dies schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Deutschland macht sich, im Sinne der Diversity-Ideologie zum attraktiven Wirtschaftsstandort (vgl. die Kampagne „Germany. Land of Opportunities“), beweist gleichzeitig, dass es bei soviel Buntheit und Heterogenität die braune Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen hat.

Schwule und Lesben, so die sich durchsetzende Meinung, werden kaum noch diskriminiert. Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft und gelten sogar als Galionsfiguren der modernen „Republik der Vielfalt“. Homophobie an sich gibt es zwar noch – sie findet sich aber nahezu ausschließlich in den vormodernen gesellschaftlichen Rändern findet, also im Fußball, in Reggae und HipHop, in der katholischen Kirche, in „Migrantenvierteln“, oder im Ausland (Uganda, Jamaika, Iran, Russland etc.)1. Diese Erzählung wird nicht nur von vor allem konservativer politischer Seite fortgeschrieben, sondern findet sich auch verstärkt in den Mainstream-Medien (vgl. Homophobie im Fußball).

Die Überzeugung, Homophobie sei „bei uns“ kein Thema mehr, verstellt nun aber den Blick auf die auch in der „Mitte der Gesellschaft“ immer noch unverändert wirkmächtigen, für das „straight eye“ aber zu subtilen heteronormativen und homophoben Kräfte. Diese zeigen ihre Zähne vor allem im Jugendalter. Zwar mag es für viele nicht-heterosexuelle Jugendliche durchaus erhebliche Verbesserungen gegeben haben, auf der anderen Seite aber zeigen die bisherigen Untersuchungen, dass lesbische und schwule Jugendliche im Durchschnitt immer noch mit erheblichen Problemen konfrontiert sind. So konstatiert etwa Ulrich Biechele 20062, dass homophobe Gewalt – vor allem in verbaler Form – unter Jugendlichen allgegenwärtig sei.3 Zu den psychosozialen Problemen schwuler Jugendlicher, auf die er sich konzentriert, zählt vor allem das Gefühl der Einsamkeit – und auch er berichtet von der erhöhten Suizidgefahr (jeder zwölfte schwule Jugendliche habe bereits einen oder mehrere Selbstmordversuche hinter sich).

Staatliche Maßnahmen, wie sie u.a. die Grünen fordern, halte ich daher für sehr sinnvoll – nicht zuletzt, weil staatlicherseits direkter Einfluss geübt werden kann auf den wohl homophobsten Ort in der „Mitte der Gesellschaft“, die Schule.

  1. die angebliche Homophobie von Menschen aus „muslimischen Ländern“ wird daher gern als Ausschlusskriterium in „Einwanderungstest“ herangezogen. [zurück]
  2. Vgl. Biechele, Ulrich. „Schwule Jugendliche“. Ergebnisse einer Studie zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität. In: Weiß, Volker / Wilde, Thomas (Hrsg.): Im Spiegel der Empirie. Neue sozialwissenschaftliche Forschungen zur Homosexualität. Edition Waldschlösschen, 2006. S. 9-30. [zurück]
  3. sicher muss hier zwischen lesbischen und schwulen Jugendlichen unterschieden werden. ich könnte mir etwa vorstellen, dass Diskriminierung von Schwulen offener und sichtbarere stattfindet (darauf deutet ja z.B. hin, dass „schwul“ zum universal verwendbaren und verwendeten Pejorativ geworden ist), während Lesben wohl vor allem mit einer homophoben Form von Sexismus konfrontiert werden, die vielleicht eher hinter vorgehaltener Hand geäußert wird [zurück]

MM 2