Meine Freundin. No Homo.

Schon öfters ist mir aufgefallen, dass heterosexuelle Frauen aus meinem Bekanntenkreis, die einige Jahre älter sind als ich, wenn sie von Freundinnen erzählen, oft die Formulierung „meine Freundin“ verwenden. Heterosexuelle Frauen in meinem Alter dagegen sagen dagegen „eine Freundin von mir“.
Ein Unterschied von wenigen Worten, der jedoch auf eine größere semantische und diskursive Verschiebung verweist, wie ich glaube: Leute die heute älter als 30, 40 Jahre sind, sind noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Homosexualität stärker tabuisiert war und in der viel weniger über dieses Thema öffentlich gesprochen wurde. Wer als Frau „meine Freundin“ sagte, setzte sich keinem Verdacht aus, möglicherweise lesbisch zu sein, denn jede_r wusste: „meine Freundin“ bezieht sich auf Freundschaft und nicht auf Liebe. In den letzten Jahrzehnten hat sich dies jedoch geändert: Homosexualität ist sichtbarer und sprechbarer geworden. Schon auf dem Schulhof lernen Kinder, zwischen „eine Freundin von mir“ und „meine Freundin“ zu unterscheiden und penibel darauf zu achten, sich nicht mit der „falschen“ Formulierung dem Verdacht der Homosexualität auszusetzen.

An diesem kleinen Beispiel zeigt sich, wie ich finde, eine Entwicklung, auf die auch Georg Klauda in seinem großartigen Buch von 2008 hinweist. Er spricht von einem „zunehmenden Panoptismus unter westlichen Jugendlichen – die gegenseitige Verdächtigung, aus der Norm zu fallen“1 und zitiert Volkmar Sigusch wie folgt: „Seitdem die Homosexualität als eine eigene Sexualform öffentlich verhandelt wird, kommt die Befürchtung der Jungen [und, wie ich meine, aller Jugendlichen, r*z] hinzu, womöglich als ‚Schwuler‘ angesehen zu werden“2.
Die Erfolge der Sprech- und Sichtbarkeitspolitik der Lesben- und Schwulenbewegung, die die öffentliche Verhandelbarkeit, von der Sigusch hier spricht, haben also auch eine Schattenseite: Die heteronormative Tiefenstruktur der Gesellschaft blieb nämlich von ihr unangekratzt und bekommt sogar noch Munition geliefert: Mit einem Vokabular und einem Wissen über Homosexualität, die die verbale Absicherung der eigenen Hetero-Normalität („No Homo!“) sowie der homophoben Ausgrenzung und der hate speech („schwul“ als universelles Schimpfwort) erst ermöglicht.

  1. Georg Klauda (2008): Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg. S. 62. [zurück]
  2. Volkmar Sigusch (1998): Jugendsexualität – Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. Dt. Ärzteblatt 95, Nr. 20. A-1240-1243. Zit. nach Klauda 2008, S. 62. [zurück]

2 Antworten auf „Meine Freundin. No Homo.“


  1. 1 Kjartan E. 21. März 2012 um 19:39 Uhr

    Auch wenn der politische Teil des Textes soweit stimmen mag und in der Tat nachdenklich stimmt, muss zur heute deutlicheren Unterscheidung von „meine Freundin“ und „eine Freundin von mir“ gesagt werden, dass das eine Entwicklung ist, die aus linguistischer Perspektive einfach kommen musste, weil es (inzwischen) zwei grundlegend verschiedene Begriffe sind, die hier bezeichnet werden. Diese Begriffe wurden erst in den letzten Jahrzehnten nach und nach von allen Sprecher/innen der Sprachgemeinschaft als unterschiedlich wahrgenommen und um Kommunikation eindeutiger und effizienter zu machen, entwickeln sich daraus unterschiedliche Bezeichnungen für diese Begriffe – ein ganz normaler Sprachwandelprozess. Homos selbst, ich eingeschlossen, benutzen diese Unterscheidung ja auch, um die eine Freundin oder den einen Freund von FreundInnen im Sinne von guten Bekannten abzugrenzen. Warum sollen es Hetero/Heteras nicht genau so tun?

  2. 2 Administrator 25. März 2012 um 1:33 Uhr

    Danke für den linguistischen Hinweis!! Die unterschiedliche Bedeutung, die beide Begriffe heute haben, ist natürlich die eine Sache. Die andere ist die Angst davor, sie penibel zu unterscheiden und bloß nicht zu verwechseln. Und gerade um diese leidige heteronormative Angst geht es mir.

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