Archiv der Kategorie 'anmerkungen'

Tofuschwuchtel

Echte Männer lieben Fleisch, alle anderen sind Tofuschwuchteln, soviel wissen wir spätestens, seit vor kurzem ein preisgekröntes Werbemotiv wieder aufgetaucht ist. Dass dies homophob ist, haben andere schon angemerkt. Was mir darüber hinaus mal wieder auffiel, ist, dass diese neandertaleske Verknüpfung von „Mann“ und „Fleisch“ (zumindest in der kulturindustriellen Sphäre des Nicht-wirklich-ernst-gemeint-aber-irgendwie-Lustigen) immer noch so gut funktioniert (siehe vor allem: die Zeitschrift BEEF!).
Ätzend sind aber vor allem die Abgründe der ganzen Männlichkeitsscheisse, die sich hier auftun.
Mit der Verwendung des Wortes „schwul“ wollte die Werbeagentur sicherlich „nur“ in „witziger“ Weise unterstreichen, dass Vegetarismus unmännlich und damit Fleischesserei umso männlicher ist. Schwul als Synonym für Unmännlichkeit also. Dass das ganze aber einen unsäglichen Rattenschwanz negativer Assoziationen mit sich zieht, wird klar, wenn man sich die inneren Bilder vergegenwärtigt, die hier das Wort „schwul“ aufruft: Einerseits nämlich das in den Kontext der Werbung passende Bild des sanften Müslifresser-Softies, andererseits das weniger konkrete, an Sexualität, Effeminiertheit und dem sogenannten schwulen Lebensstil sich orientierende Bild des Klischee-Schwulen. Die Werbung trägt nun, wie ich finde, dazu bei, dass sich beide negative Assoziationen gegenseitig verstärken: das Wort „schwul“ wird wieder einmal seiner auf Homosexualität bezogene Bedeutung enthoben und als Über-Begriff für alles Unmännliche und damit Schlechte eingesetzt, womit den Schwulen noch mehr homophobe Diskurslast aufgebürdet wird. Andererseits bekommt die nicht-homosexuelle männliche Vegetarierfraktion mit der Unterstellung, „schwul“ zu sein, auch die anderen Assoziationen des Wortes und insbesondere den „Verdacht“, auf Männer zu stehen, um die Ohren gehauen.

Ein Volker Beck scheint der Kastrationsangst-geleiteten Logik der diskursiven Entmännlichung nicht ganz entronnen zu sein, sagte er doch, wenn man der Augsburger Allgemeinen glauben will: „Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch – wer so etwas denkt, ist nicht ganz bei Trost.“ – Ein Satz, der meines Erachtens immer noch deutlich impliziert, dass es eine Schande sei, als Mann bzw. als schwuler Mann seine Männlichkeit abgesprochen zu bekommen.

PS: Wenn ich noch einmal „Der bekennende Homosexuelle XY“ lese, liebe Ausgburger Allgemeine, werfe ich mich hier auf den Boden und beiße in die Auslegeware!

PPS: Und nein, Delfine sind KEINE schwulen Haie.

Meine Freundin. No Homo.

Schon öfters ist mir aufgefallen, dass heterosexuelle Frauen aus meinem Bekanntenkreis, die einige Jahre älter sind als ich, wenn sie von Freundinnen erzählen, oft die Formulierung „meine Freundin“ verwenden. Heterosexuelle Frauen in meinem Alter dagegen sagen dagegen „eine Freundin von mir“.
Ein Unterschied von wenigen Worten, der jedoch auf eine größere semantische und diskursive Verschiebung verweist, wie ich glaube: Leute die heute älter als 30, 40 Jahre sind, sind noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Homosexualität stärker tabuisiert war und in der viel weniger über dieses Thema öffentlich gesprochen wurde. Wer als Frau „meine Freundin“ sagte, setzte sich keinem Verdacht aus, möglicherweise lesbisch zu sein, denn jede_r wusste: „meine Freundin“ bezieht sich auf Freundschaft und nicht auf Liebe. In den letzten Jahrzehnten hat sich dies jedoch geändert: Homosexualität ist sichtbarer und sprechbarer geworden. Schon auf dem Schulhof lernen Kinder, zwischen „eine Freundin von mir“ und „meine Freundin“ zu unterscheiden und penibel darauf zu achten, sich nicht mit der „falschen“ Formulierung dem Verdacht der Homosexualität auszusetzen.

An diesem kleinen Beispiel zeigt sich, wie ich finde, eine Entwicklung, auf die auch Georg Klauda in seinem großartigen Buch von 2008 hinweist. Er spricht von einem „zunehmenden Panoptismus unter westlichen Jugendlichen – die gegenseitige Verdächtigung, aus der Norm zu fallen“1 und zitiert Volkmar Sigusch wie folgt: „Seitdem die Homosexualität als eine eigene Sexualform öffentlich verhandelt wird, kommt die Befürchtung der Jungen [und, wie ich meine, aller Jugendlichen, r*z] hinzu, womöglich als ‚Schwuler‘ angesehen zu werden“2.
Die Erfolge der Sprech- und Sichtbarkeitspolitik der Lesben- und Schwulenbewegung, die die öffentliche Verhandelbarkeit, von der Sigusch hier spricht, haben also auch eine Schattenseite: Die heteronormative Tiefenstruktur der Gesellschaft blieb nämlich von ihr unangekratzt und bekommt sogar noch Munition geliefert: Mit einem Vokabular und einem Wissen über Homosexualität, die die verbale Absicherung der eigenen Hetero-Normalität („No Homo!“) sowie der homophoben Ausgrenzung und der hate speech („schwul“ als universelles Schimpfwort) erst ermöglicht.

  1. Georg Klauda (2008): Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg. S. 62. [zurück]
  2. Volkmar Sigusch (1998): Jugendsexualität – Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. Dt. Ärzteblatt 95, Nr. 20. A-1240-1243. Zit. nach Klauda 2008, S. 62. [zurück]