Archiv der Kategorie 'versuche'

Der Billy-Elliot-Mechanismus

Auf eine subtile Form der Homophobie bin ich aufmerksam geworden, als ich bei ard.de einen Text von Yvonne Weindel über (Jungs und) Ballett las: Zunächst weist die Autorin auf ein gängiges Klischee über Ballettänzer hin:

Ballett hat also schon immer funktioniert, wenn bestimmte weibliche Klischees bedient werden sollten. Bei den männlichen Tänzern ebenfalls, doch nicht zu ihren Gunsten.
[…]
Oft belächelt und selten ernst genommen, haben es besonders die tanzenden Männer schwer mit ihrer Profession. Der Balletttänzer muss mit allerlei Häme rechnen, wobei das Vorurteil vom schwulen Mann sicher das gängigste ist.1

Das Klischees nerven, ist klar, aber was die Autorin im Folgenden schreibt, ist noch viel unschöner:

Wie wohltuend ist da, wenn der neue Chef des Leipziger Balletts Mario Schröder diese Klischees bricht und von seiner Fußballkarriere berichtet, die er noch vor der Ballettausbildung absolvierte. „Fußball und Ballett schließen sich nicht aus“, sagt er. „Sowie schwul und hetero heute in jedem Ballettensemble vertreten sind. Beim Tanz geht es um ein hartes körperliches Training, das ist nicht anders als beim Profifußballer.“2

Natürlich werden hier Klischees gebrochen, aber auf eine Art und Weise, die Schwulsein a.k.a. Unmännlichkeit abwertet – schließlich ist es ja irgendwie „wohltuend“, dass es auch nicht-schwule, nicht-tuntige Ballettänzer gibt.
Weiter schreibt Weindel:

Das Image hat sich geändert, sagen die Pädagogen: „Auch Jungen trauen sich endlich an die Ballettstange und wollen Tänzer werden“. Diese Wandlung hat auch mit der veränderten Außenwahrnehmung zu tun. Ballett wird nicht mehr als „schwule“ Kunst abgetan, sondern hat eine neue und neutrale Anerkennung bekommen, gerade bei Jugendlichen.3

An dieser Stelle wird, wie ich finde, das „Projekt“ deutlich, dem Weindel ungewollt in die Hände spielt. Sie berichtet von der „neuen Lust am Ballett“ (so der Untertitel des Artikels) und macht deutlich, dass eine früher weibliche und schwul-tuntige Domäne nun auch von „echten Kerlen“ erobert wird. Ein „Projekt“ also, um Raewyn Connells Begriffen zu nutzen, der Ausweitung des Handlungsspielraums hegemonialer, heterosexueller Männlichkeit. Hegemoniale Männlichkeit bedarf aber immer der Abgrenzung gegenüber einer als unterlegen konstruierten Männlichkeitsform, der der Schwulen und Tunten. Je weiter sich also in ein weibliches und schwules Terrain vorgewagt wird, muss sich hegemoniale Männlichkeit umso vehementer von „den Schwulen“ und „den Tunten“ abgrenzen: „Ja, wir machen zwar Ballett, aber das heißt noch lange nicht, dass wir schwul sind!“

Diese Claim-Erweiterung hegemonialer Männlichkeit findet sich auch an zwei anderen populären Stellen, bei Emo, vor allem aber im unleidlichen Metrosexualitätsdiskurs (der ja Gott sei Dank seinen Zenit längst überschritten hat). Emo-Jungs, die ja oft mit krasser Homophobie konfrontiert sind (vgl. Buch und Vortrag von Martin Büsser) müssen sich z.T. sehr deutlich als „nicht schwul“ kennzeichnen, um ihren androgynen Stil zu rechtfertigen. Dass dies letztlich Bestandteil einer Aneignungsstrategie ist, zeigt Magnus Klaue in einem Vortrag4. Und „metrosexuelle“ Männer sind ja per definitionem „äußerlich“ schwul, aber eigentlich hetero.5

Um zu Yvonne Weindels Text zurückzukommen: Dieser hat für den heteronormativen Mainstream-Denke eine Art beruhigende Funktion, sagt er doch Folgendes: Heutzutage brauchen Eltern keine Angst zu haben, dass ihr Sohn schwul ist oder wird, wenn er Ballett machen will. Eine ähnliche Botschaft vermittelt auch der Film, auf den die Autorin selbst hinweist, „Billy Elliot“. Es ist schon lange her, dass ich ihn gesehen habe, aber ich meine mich daran zu erinnern, dass Billy Elliot in einer Szene ganz klar deutlich macht, dass er nicht schwul ist (ich glaube, als er dem Nachbarsjungen einen Korb gibt)7. Dieser Moment ist für die Funktion des Films ganz zentral: Billy Elliot muss sich als nicht-schwul positionieren, da es ja gerade darum geht, dass ein „normaler“ Junge Ballett machen will. Hätte er sich nicht positioniert oder sich als schwul geoutet, wäre Billy Elliot ein Queer Cinema-Spartenfilm – und kein Mainstream-Erfolg geworden.

Enttäuschend ist das alles nicht nur, weil hier mal wieder so etwas wie eine homophobe „gesellschaftliche Tiefenstruktur“ durchscheint, sondern vor allem auch, weil der heteronormative Mainstream sich selbst das Phänomen ganz gerne als das genaue Gegenteil verkauft, indem er es in eine allgemeine Liberalisierungs-Erzählung einbaut – nämlich im Sinne einer Überwindung von Klischees, der Modernisierung veralteter Männlichkeitsvorstellungen und einer Diversity-kation der Gesellschaft6

  1. http://www.ard.de/kultur/sonstiges/blackswan-ballettfieber/-/id=171948/nid=171948/did=1753714/xki749/index.html (15.05.2011) [zurück]
  2. ebd. [zurück]
  3. ebd. [zurück]
  4. http://audioarchiv.blogsport.de/2010/03/09/empfindsamkeit-vs-sinnlichkeit/ [zurück]
  5. vgl. Scheele, Sebastian (2007): „Schwul leben – heterosexuell lieben“. Metrosexualität als homophobe Modernisierung hegemonialer Männlichkeit. In: Bauer, Robin / Hoenes, Josch / Woltersdorff, Volker (Hrsg.): Unbeschreiblich männlich. Heteronormativitätskritische Perspektiven. Hamburg: MännerschwarmSkript. S. 213 – 229. [zurück]
  6. und ich glaube das ist das, worauf auch Magnus Klaue hinaus will (wenn er es auch besser gesagt hat). [zurück]
  7. ich hab mal ein bißchen recherchiert und unter http://www.materialserver.filmwerk.de/arbeitshilfen/billyelliott_ah.pdf folgende inhaltliche Zusammenfassung gefunden:
    „(61.–64. Min.): An Weihnachten zertrümmert der Vater
    das Klavier seiner verstorbenen Frau, um das Holz im
    Kamin zu verheizen. Michael wärmt die Hände seines
    frierenden Freundes Billy und zeigt ihm seine Sympathie.
    Billy: „Bloß weil ich Ballett mag, bin ich doch kein
    Schwuler!““ [zurück]

Der gestörte Mann

Gibt es in den populären Naturwissenschaften eine Tendenz, Männer bzw. männliche Gehirne mit bestimmten Störungs- oder Behinderungsbildern zu assoziieren?

Der Gedanke kam mir letztens, als ich in Susan Pinkers Buch „Das Geschlechter-Paradox“ (2008) blätterte. Männer und Jungs werden dort vor allem mit ADHS und „Lernstörungen“ in Verbindung gebracht.
Ganz ähnlich argumentiert Simon Baron-Cohen in seinem Buch „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ (2004), indem er Autismus sozusagen als Extremfall von Männlichkeit darstellt.

Das scheint mir eine interessante Entwicklung zu sein, stellt sie doch eine Umkehrung der traditionellen Naturalisierung und Pathologisierung des weiblichen Körpers und der Heraufbeschwörung „typisch weiblicher“ Krankheiten bzw. Störungsbilder dar ( -ich denke dabei vor allem an die „Hysterie“). Nun scheinen nicht mehr die Frauen, sondern die Männer die „Problemfälle“ zu sein.

Von einer derartigen Umkehr der Verhältnisse auszugehen, ist jedoch auch nicht unproblematisch, schwingt dabei doch tendenziell so etwas wie der Gedanke einer „ausgleichender Gerechtigkeit“ mit, in dem Sinne, dass Männer und Frauen nun quitt seien und der Feminismus endlich die Klappe zu halten habe.
Noch offensichtlicher backlashig wird es, wenn die Darstellung von Männern und Jungs im derzeitigen „Jungendiskurs“ als tendeziell behandlungsbedürftige, zu bemitleidende „Problemfälle“ zum Symptom für das Versagen des Feminismus und Argument gegen eben diesen stilisiert werden.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch Susan Pinkers Buch: Jungs seien in der Kindheit und Schulzeit „auffälliger“ und „unangepasster“ als Mädchen, sie neigten viel eher als jene zum „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“. Doch Pinker gibt dem Ganzen eine interessante Wendung: Sie jammert nicht über die „armen Jungs“, sondern zeigt, dass diese es trotzoder sogar wegen ihrer „Auffälligkeit“ beruflich weiter bringen als Frauen:

Warum sind es die »schwierigen Jungs«, die später beeindruckende Karrieren machen, während die viel versprechenden Mädchen immer noch selten auf die Chefsessel gelangen? Susan Pinker zeigt, dass sich Mädchen und Jungs von klein auf unterschiedlich entwickeln und was das für ihre Lebensentscheidungen bedeutet. […]

Seit vier Jahrzehnten versucht man nun schon, Frauen im Berufsleben die gleichen Chancen zu bieten wie Männern. Und tatsächlich sind Schulen und Universitäten voll von begabten und ambitionierten Mädchen. Jungs dagegen sind überdurchschnittlich stark vertreten unter den sogenannten »Problemkindern«, die sich im Klassenzimmer und Uni-Seminar schwertun und unter Konzentrations- und Lernschwächen leiden. Trotzdem: In den Chefetagen von Wirtschaftskonzernen, in Politik und Wissenschaft sitzen immer noch deutlich mehr Männer als Frauen. Wie kommt es, dass die »schwierigen Jungs« im Berufsleben plötzlich durchstarten und die so begabten und engagierten Mädchen doch nicht in großem Stil die Karriereleitern erklimmen?1

So nimmt Pinker dem „Arme-Jungs-Diskurs“ den Wind aus den Segeln und verfestigt dabei aber eine antifeministische und biologisierende Sichtweise: Männer und Frauen wollen von klein auf unterschiedliche Dinge vom Leben (ich denke mal, das läuft auf folgendes hinaus: Männer--> Karriere, Frauen --> Familie) und das solle man doch auch bitteschön akzeptieren.

Worin ich aber das grundsätzlich Problematische bei Pinker und auch bei Baron-Cohen sehe, möchte ich nun ein wenig ausführen.2
Beide bringen „typisch“ männliche Eigenschaften mit einer „Störung“, Krankheit oder Behinderung in Verbindung. Autismus stelle nach Baron-Cohens extreme male brain theory eine besonders ausgeprägte Form der „typisch männlichen“ Fähigkeit dar, Muster zu erkennen und Systeme zu analysieren – und impliziere ein Fehlen der weiblichen Fähigkeit zur Empathie.3
Beim ADHS-Diskurs à la Pinker geht es dagegen m.E. darum, „krankhaft“ überaktives Verhalten als Extremform der „typisch männlichen“ Wildheit und Unangepasstheit darzustellen.

Durch diese Überkreuzung der Kategorien gender und (dis)ability/Gesundheit ergeben sich, wie ich meine, folgende Effekte: Einerseits verlieren Autismus und ADHS ein bißchen ihren Schrecken. Sie stellen nichts völlig Andersartiges und Krankhaftes mehr dar, sondern sind letztlich „normale“ männliche Eigenschaften, wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung.

Andererseits trägt diese teilweise Pathologisierung des männlichen Geschlechts nicht unerheblich zur (Re-)Essenzialisierung der Geschlechter bei: Männer sind nicht mehr nur Männer, sie sind auch tendenziell autistisch oder verhaltensgestört. Somit erhalten sie ein weiteres und aufgrund seiner medizinischen Verankerung sehr wirkmächtiges Wesensmerkmal, dass den Unterschied zu „den Frauen“ festigt und das binäre Modell stärkt.

  1. http://www.amazon.de/Das-Geschlechter-Paradox-schwierige-Unterschied-zwischen/dp/3421043612/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1278707510&sr=8-3, zuletzt aufgerufen am 09.07.2010 [zurück]
  2. Nachdem ich den Text nun geschrieben habe, erscheinen mir meine Gedanken weit weniger relevant, als ursprünglich gedacht. Ich habe den Text trotzdem mal gepostet und hoffe auf (konstruktive) Kritik… [zurück]
  3. Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Baron-Cohen (zuletzt aufgerufen am 09.07.2010) ist folgendes zu lesen: Baron-Cohens „extreme male brain theory besagt, dass Autisten, verursacht durch einen hohen Testosteronspiegel im Mutterleib, ein extrem ausgeprägtes männliches Gehirn haben. Seine Mitarbeiter und er untersuchten bei 58 schwangeren Frauen den Testosteronspiegel im Mutterleib. Solche Kinder, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, zeichneten sich gegenüber normalen Kindern durch einen kleineren, aber qualitativ höheren Wortschatz und selteneren Blickkontakt aus. Im Alter von vier Jahren waren diese Kinder weniger sozial entwickelt. Dem zugrunde liegt Baron-Cohen’s empathising-systemising theory (E-S), die besagt, dass sich das Gehirn von Kindern, die im Mutterleib einem erhöhten Testosteronspiegel ausgesetzt waren, in Richtung zu einer verbesserten Fähigkeit, Muster zu sehen und Systeme zu analysieren, entwickelte. […] „Die grundlegende Verschaltung des idealtypisch weiblichen Gehirns begünstigt empathische Analysen während im männlichen Gehirn die Netzwerke für das Verstehen und Bauen von Systemen die Fundamente bilden.“ [zurück]