Tag-Archiv für 'heteronormativität'

Die Causa BZgA

Sehr gut gefallen hat mir der Artikel von Markus Chmielorz in seinem Blog.
Es geht um die neueste „Mach’s Mit“-Kampagne der BZgA, über die auch queer.de berichtete.
Das Testimonial-Video der Kampagne habe, so Chmielorz,

nun zum Teil heftige und empörte Reaktionen aus der schwulen Community hervorgerufen. In der Hauptsache nimmt die Kritik zwei Argumente auf: Zum einen würde nun jahrelange Emanzipationsarbeit zunichte gemacht, würde doch der Protagonist des Clips wieder das Klischee des schwulen Mannes als Tunte reproduzieren. Zum anderen würden schwule Jugendliche, mit diesem Rollenmodell konfrontiert, in ihrem eigenen Coming-out zurückgeworfen.

Ach ja, die Schwulen mit ihrem Tuntenproblem… Welchen Begriff von Emanzipation haben denn diese Mitglieder der „schwulen Community“? Ging es bei diesem „jahrelangen Prozess“ denn nur darum, sich dem heterosexuellen Mainstream anzubiedern und ihm zu zeigen, dass man eben doch „ganz normal“ sei und mit dem Schreckgespenst „Tunte“ nichts zu tun habe? Das, meine Lieben, ist keine Emanzipation, sondern krampfhaftes Klammern an die Norm. Emanzipation bedeutet doch vielmehr: Für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der jede_r so tuntig oder butchy oder wie auch immer sein darf, ohne diskriminiert zu werden.
Eigentlich komisch, dass ich das überhaupt noch sagen muss. :-/

Chmielorz sieht dies ähnlich, argumentiert aber zugegebenermaßen gründlicher als ich:

Nach der staatlichen Verfolgung kommt nun die gesellschaftliche Anerkennung. Die Kehrseite ist, dass schwule Männer Teil des Normativitätdiskurses sind. Wie angepasst muss ich denn sein, um anerkannt zu werden? Oder: “Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber müssen sie immer so tuntig sein?” Diese Frage entlarvt die heteronormativen Strukturen und schreibt Ausgrenzung und Diskriminierung fort. Ja, schwule Männer sind bisweilen tuntig, weil sie es können, und weil sie es wollen, und weil wir darauf warten, dass es mehr gibt, als entweder ein echter Kerl zu sein oder mit Barbiepuppen zu spielen. Das übrigens ist eine patriarchale Strategie: Die eigene Stärke spüren, indem der andere abgewertet wird. Dass diese Strategie auch innerhalb der Community wirkt, ist keine neue Erkenntnis. Der Preis einer Anpassung bis zur Ununterscheidbarkeit, um im Gegenzug Akzeptanz zu erhalten, scheint viel zu hoch. Angesichts der Kommentare auf der Facebook-Seite der BzgA möchte man fast sagen: Soviel Homonegativität war selten.

Dennoch ist die Causa BZgA mit einer Schelte der „Homonegativität“ (oder vielleicht besser: der schwulen Sissyphobie) nicht gegessen. Das Problem ist wohl viel eher, dass mit der Bundeszentrale hier der Staat spricht und sein Bild von „den Schwulen“ präsentiert. Und wenn dieses Bild dem homophoben Klischee par excellence entspricht, dann fragt man* sich, ob der Staat nicht selbst auch ziemlich homophob ist – oder zumindest verantwortungslos seiner nicht-heteronormativen Bevölkerung gegenüber, wenn er sie mit einem solchen negativ belasteten Bild ansprechen will.

Zwei Dinge müssen also auseinandergehalten werden, und das ist meiner Meinung nach in der Debatte nur ansatzweise geschehen: Der Umgang mit Normalismus, internalisierter Homophobie und Sissyphobie in der schwulen Community, der mit einer provokanten Bejahung und Vervielfältigung tuntiger Klischees begegnet werden muss – und der Tatsache, dass der Staat und somit die BZgA durch und durch heteronormativ ist und entsprechende Bilder produziert, was mit einer Kritik der diskriminierenden und regulierenden Funktion eben dieser bekämpft werden sollte.

Meine Freundin. No Homo.

Schon öfters ist mir aufgefallen, dass heterosexuelle Frauen aus meinem Bekanntenkreis, die einige Jahre älter sind als ich, wenn sie von Freundinnen erzählen, oft die Formulierung „meine Freundin“ verwenden. Heterosexuelle Frauen in meinem Alter dagegen sagen dagegen „eine Freundin von mir“.
Ein Unterschied von wenigen Worten, der jedoch auf eine größere semantische und diskursive Verschiebung verweist, wie ich glaube: Leute die heute älter als 30, 40 Jahre sind, sind noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Homosexualität stärker tabuisiert war und in der viel weniger über dieses Thema öffentlich gesprochen wurde. Wer als Frau „meine Freundin“ sagte, setzte sich keinem Verdacht aus, möglicherweise lesbisch zu sein, denn jede_r wusste: „meine Freundin“ bezieht sich auf Freundschaft und nicht auf Liebe. In den letzten Jahrzehnten hat sich dies jedoch geändert: Homosexualität ist sichtbarer und sprechbarer geworden. Schon auf dem Schulhof lernen Kinder, zwischen „eine Freundin von mir“ und „meine Freundin“ zu unterscheiden und penibel darauf zu achten, sich nicht mit der „falschen“ Formulierung dem Verdacht der Homosexualität auszusetzen.

An diesem kleinen Beispiel zeigt sich, wie ich finde, eine Entwicklung, auf die auch Georg Klauda in seinem großartigen Buch von 2008 hinweist. Er spricht von einem „zunehmenden Panoptismus unter westlichen Jugendlichen – die gegenseitige Verdächtigung, aus der Norm zu fallen“1 und zitiert Volkmar Sigusch wie folgt: „Seitdem die Homosexualität als eine eigene Sexualform öffentlich verhandelt wird, kommt die Befürchtung der Jungen [und, wie ich meine, aller Jugendlichen, r*z] hinzu, womöglich als ‚Schwuler‘ angesehen zu werden“2.
Die Erfolge der Sprech- und Sichtbarkeitspolitik der Lesben- und Schwulenbewegung, die die öffentliche Verhandelbarkeit, von der Sigusch hier spricht, haben also auch eine Schattenseite: Die heteronormative Tiefenstruktur der Gesellschaft blieb nämlich von ihr unangekratzt und bekommt sogar noch Munition geliefert: Mit einem Vokabular und einem Wissen über Homosexualität, die die verbale Absicherung der eigenen Hetero-Normalität („No Homo!“) sowie der homophoben Ausgrenzung und der hate speech („schwul“ als universelles Schimpfwort) erst ermöglicht.

  1. Georg Klauda (2008): Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg. S. 62. [zurück]
  2. Volkmar Sigusch (1998): Jugendsexualität – Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. Dt. Ärzteblatt 95, Nr. 20. A-1240-1243. Zit. nach Klauda 2008, S. 62. [zurück]